In einer Zeit, in der Jump-Scares und blutige Action-Horror-Spiele den Markt dominieren, kommt ein kleines schwedisches Indie-Studio daher und liefert mit Mouthwashing eines der intelligentesten, verstörendsten und emotional aufwühlendsten Narrative-Erlebnisse der letzten Jahre. Das Spiel, das am 26. September 2024 veröffentlicht wurde, hat nicht nur auf Steam „Overwhelmingly Positive“-Bewertungen gesammelt, sondern auch Kritiker und Spieler gleichermaßen fasziniert und traumatisiert. Für deutsche Gamer, die tiefgründige Geschichten, psychologische Tiefe und atmosphärischen Horror lieben, ist Mouthwashing ein absolutes Muss.
Was ist Mouthwashing eigentlich?
Mouthwashing ist ein First-Person-Narrative-Horror-Adventure ohne klassische Kämpfe oder Jump-Scares. Es folgt der fünfköpfigen Crew des Frachtschiffs Tulpar der Firma Pony Express. Das Schiff ist auf einer 382-tägigen Routine-Lieferung unterwegs, als es zu einem katastrophalen Unfall kommt: Das Schiff kollidiert mit einem Asteroiden und wird schwer beschädigt. Die Crew ist im All gestrandet, Vorräte sind begrenzt, und die Hoffnung schwindet mit jedem verstreichenden Tag.
Der Titel „Mouthwashing“ klingt zunächst harmlos oder sogar absurd – wie eine Werbung für Mundspülung. Doch genau diese scheinbare Banalität macht den Horror aus. Die Crew muss sich unter anderem von riesigen Mengen an Mundspülung ernähren, die als eine der wenigen verbliebenen „Nahrungsmittel“ dient. Der süße, chemische Geschmack wird zur Metapher für Verdrängung, Selbstbetrug und den schleichenden Wahnsinn.
Die Crew: Fünf Charaktere, ein Albtraum
Das Herzstück des Spiels sind die vielschichtigen Charaktere:
- Captain Curly: Der charismatische, aber zunehmend überforderte Kapitän. Nach dem Crash ist er schwer verletzt – bandagiert, ohne Gliedmaßen, nur Mund und ein Auge sichtbar. Er wird zum stummen Zeugen des Geschehens.
- Jimmy: Der Co-Pilot und spätere Acting Captain. Ein komplexer, zutiefst problematischer Protagonist, dessen Perspektive den Großteil der Handlung dominiert.
- Anya: Die Schiffsärztin. Überfordert, traumatisiert und zentral für einige der emotional schwersten Momente.
- Swansea: Der Mechaniker – pragmatisch, zynisch und mit einer dunklen Seite.
- Daisuke: Der junge Praktikant. Voller Optimismus und Naivität, der schnell zur tragischen Figur wird.
Die Dynamik zwischen diesen Charakteren ist meisterhaft geschrieben. Das Spiel wechselt nicht-linear zwischen der Zeit vor und nach dem Crash und zwischen den Perspektiven von Curly und Jimmy. Dadurch entsteht ein Puzzle aus Wahrheit, Lüge und Selbsttäuschung.
Themen: Tiefer als reiner Horror
Mouthwashing ist weit mehr als ein Weltraum-Horror-Spiel. Es behandelt:
- Kapitalismuskritik: Die Firma Pony Express (mit ihrem fröhlichen Pferde-Maskottchen Polle) steht für seelenlose Konzerne, die Menschen ausbeuten. Die Crew ist nur noch menschliches „Fleisch“, das Automatisierung ersetzt.
- Männlichkeit und toxische Dynamiken: Besonders durch Jimmy wird die Frage gestellt, wie Männer mit Versagen, Neid und Verantwortung umgehen.
- Trauma und Schuld: Der schleichende Verlust der geistigen Gesundheit in Isolation.
- Körperlicher und seelischer Verfall: Der verbrannte Curly und die Abhängigkeit von Mundspülung symbolisieren körperlichen Schmerz und chemische Flucht.
Das Spiel vermeidet billige Schocks. Stattdessen baut es eine erdrückende Atmosphäre aus Enge, künstlichem Sonnenuntergang (durch defekte Bildschirme) und dem ständigen Summen der Schiffssysteme auf. Die visuelle Ästhetik – eine Mischung aus Retro-Futurismus und surrelem Grauen – erinnert an Klassiker wie Silent Hill oder Filme wie Event Horizon.
Entwicklung und Studio: Wrong Organ
Entwickelt wurde Mouthwashing vom Stockholmer Studio Wrong Organ, einem kleinen Team, das zuvor mit How Fish Is Made (einem surrealen Kurzspiel) auf sich aufmerksam machte. Das Studio besteht aus nur wenigen Personen, darunter Narrative Designerin Johanna Kasurinen und weitere Talente aus der Futuregames-Schule. Trotz der geringen Größe liefert das Spiel eine Produktionsqualität, die viele AAA-Titel in den Schatten stellt.
Die Musik von Martin Halldin und die Sounddesign-Arbeit verstärken die klaustrophobische Stimmung enorm. Viele deutsche Spieler loben auf Plattformen wie Steam die hervorragende englische Sprachausgabe und die dichte Atmosphäre, die auch ohne perfekte Deutschkenntnisse wirkt.
Rezeption in Deutschland und weltweit
In Deutschland wurde Mouthwashing besonders in der Indie-Szene und bei Fans von psychologischen Titeln wie Soma, The Cat Lady oder Pathologic gefeiert. Auf Metacritic erhielt es „Generally Favorable“-Wertungen, und auf Steam dominiert es mit höchster Bewertungsstufe.
Viele deutsche Let’s Player und Streamer (wie z.B. Analysen auf YouTube) haben das Spiel ausführlich besprochen. Themen wie Arbeitsausbeutung und mentale Gesundheit treffen in der post-pandemischen, wirtschaftlich angespannten deutschen Gesellschaft besonders stark.
Das Spiel dauert nur etwa 2–3 Stunden, ist aber extrem replaybar. Verschiedene Enden und zahlreiche Details laden zum zweiten und dritten Durchspielen ein. Viele Spieler entdecken erst beim zweiten Mal die volle Tragweite der Manipulationen in der Erzählung.
Warum Mouthwashing für deutsche Gamer relevant ist
Deutschland hat eine starke Tradition anspruchsvoller Narrative-Games (denkt an The Witcher-Serie, Anno-Reihe oder philosophische Indie-Titel). Mouthwashing passt perfekt in diese Linie. Es fordert den Spieler intellektuell und emotional heraus. Es gibt keine einfachen Helden oder Bösewichte – nur gebrochene Menschen in einer gebrochenen Welt.
Zusätzlich zur digitalen Version gibt es physische Editionen (u.a. für PS5 und Switch, angekündigt für 2025) und sogar Merchandise wie Plüschfiguren von Anya oder Polle – ein Beweis für die starke Fangemeinde.
Fazit: Ein Spiel, das wehtut – auf die beste Weise
Mouthwashing ist kein Spiel, das man einfach „spielt“ und dann vergisst. Es bleibt haften. Der süßliche, chemische Nachgeschmack der Mundspülung begleitet einen noch Tage später. Es ist ein Kunstwerk über Schuld, Verantwortung, menschliches Versagen und die zerbrechliche Psyche in Extremsituationen.
Für alle, die in der deutschen Gaming-Landschaft nach mehr suchen als Action und Loot-Boxen, ist Mouthwashing ein leuchtendes (oder besser: düster glühendes) Beispiel dafür, wozu Indie-Games fähig sind. Es beweist: Manchmal tut Horror am meisten weh, wenn er nicht schreit – sondern flüstert.
„I hope this hurts.“ Dieser Satz am Anfang des Spiels ist kein leeres Versprechen. Er ist ein Versprechen, das Mouthwashing auf beeindruckende Weise einlöst.
Wenn du bereit bist für einen Trip ins All, der dich nicht nur unterhält, sondern verändert – dann steig an Bord der Tulpar. Aber pass auf, was du trinkst. Der Geschmack bleibt.